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Was wir nicht noch mehr brauchen, Herr Merz, ist noch mehr Arbeit.

  • Autorenbild: Michael Meinecke
    Michael Meinecke
  • 27. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Über Leistungsfantasien, kollektive Erschöpfung und die Frage, wie belastbar Menschen wirklich sind.


Die Idee ist bestechend einfach: Wenn es wirtschaftlich klemmt, arbeiten wir eben mehr. Länger. Intensiver. Am besten alle.

Das klingt nach schwäbischer Hausordnung für die Volkswirtschaft – nur leider ist der Mensch kein To-do-Listen-Feature, das man beliebig skalieren kann.


Wenn Friedrich Merz oder andere Vertreter der ökonomischen Vernunft zu mehr Arbeit aufrufen, ist das vermutlich gut gemeint. Leistung, Disziplin, Einsatz – alles ehrenwerte Begriffe. Problematisch wird es dort, wo diese Begriffe auf Menschen treffen, die längst am oberen Ende ihrer Belastbarkeit angekommen sind. Oder darüber hinaus. Seit Jahren.


Eine erschöpfte Gesellschaft als Hochleistungsprojekt


Deutschland arbeitet viel. Und vor allem: viel gleichzeitig. Multitasking ist kein Skill mehr, sondern Überlebensstrategie. Termine jagen Deadlines, E-Mails jagen Gedanken, und selbst Pausen fühlen sich inzwischen wie schlecht organisierte Meetings an.


Parallel dazu nehmen psychische Erkrankungen zu, Burnout wird salonfähig und Erschöpfung ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern Hintergrundrauschen.

Trotzdem lautet die Diagnose aus manchen politischen Büros sinngemäß: Da geht noch was.


Das ist ungefähr so, als würde man einem Marathonläufer bei Kilometer 38 zurufen:

„Jetzt bitte noch einen Zahn zulegen – wir haben da hinten ein Ziel.“


Leistung messen ist leicht – Leistungsfähigkeit verstehen nicht


In wirtschaftlichen Debatten wird Leistung gern gezählt: Stunden, Output, Produktivität. Der Mensch hingegen funktioniert nicht linear. Er ist kein Fließband mit Reset-Knopf, sondern ein biologisches System mit begrenzten Ressourcen – physisch, mental und emotional.


Leistungsfähigkeit entsteht nicht durch Dauerbelastung, sondern durch Wechsel:


Belastung und Entlastung


Fokus und Pause


Sinn und Anerkennung


Wer dauerhaft überzieht, wird nicht effizienter, sondern müder. Und irgendwann innerlich abwesend. Das nennt man dann „funktionieren“. Und wundert sich später, warum es sich nicht mehr nach Arbeit, sondern nach Abarbeiten anfühlt.


Mentale Gesundheit: Kein Wellness-Zusatz, sondern Betriebsgrundlage


Wenn mentale Gesundheit thematisiert wird, klingt es oft nach Yoga-Matte im Pausenraum und Achtsamkeits-App im Firmenabo. Nett. Aber zu kurz gedacht.


Psychische Gesundheit ist kein Lifestyle-Upgrade für besonders sensible Menschen. Sie ist die Grundlage dafür, dass Menschen überhaupt arbeitsfähig bleiben. Wer ständig unter Druck steht, kann sich nicht einfach „entspannen lernen“.

Achtsamkeit ist hilfreich – aber sie ersetzt keine realistischen Anforderungen, keine fairen Arbeitszeiten und keine Kultur, in der Erschöpfung nicht als persönliches Scheitern gilt.


Mit anderen Worten: Man kann ein System nicht meditieren, bis es gesund wird.


Was Unternehmen längst wissen (oder wissen sollten)


Viele Unternehmen haben das längst verstanden – andere lernen es gerade schmerzhaft. Mitarbeitende, die dauerhaft überlastet sind, kosten Geld. Nicht sofort, aber zuverlässig. Durch Ausfälle, Fluktuation, sinkende Motivation und den stillen Rückzug derer, die zwar noch da sind, aber innerlich schon gekündigt haben.


Gesunde Mitarbeiter sind kein „Soft Skill“, sondern ein harter wirtschaftlicher Faktor.

Wer langfristig erfolgreich sein will, muss Arbeit so gestalten, dass Menschen nicht verbraucht, sondern gehalten werden. Überraschenderweise arbeiten Menschen dann oft sogar besser. Nicht mehr – aber wirksamer.


Der eigentliche Widerspruch


Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Arbeit wichtig ist. Natürlich ist sie das.

Die Frage ist, warum wir in einer sichtbar erschöpften Gesellschaft ausgerechnet auf noch mehr Belastung setzen – und das dann Fortschritt nennen.


Vielleicht liegt das Problem nicht in der mangelnden Arbeitsmoral.

Vielleicht liegt es in einer Leistungslogik, die Quantität mit Nachhaltigkeit verwechselt und Erschöpfung für ein individuelles Problem hält.


Was wir brauchen, ist keine weitere Arbeitsstunde.

Was wir brauchen, ist eine ehrlichere Debatte darüber, wie Arbeit gestaltet sein muss, damit sie Menschen stärkt statt sie langsam auszuhöhlen.


Das wäre kein Zeichen von Schwäche.

Das wäre Realismus.

Und angesichts der Lage: fast schon radikal vernünftig.

 
 
 

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