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Auf die Idee, im Januar „durchzustarten“, kann nur der Mensch kommen

  • Autorenbild: Michael Meinecke
    Michael Meinecke
  • 3. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Kein Tier tut es. Keine Pflanze. Kein biologisches System.

Nur der Mensch schaut in den dunkelsten, kältesten, energieärmsten Abschnitt des Jahres – und beschließt, jetzt bitte sein Leben zu optimieren.


Mehr Sport.

Mehr Disziplin.

Mehr Produktivität.

Mehr Leistung.


Aus wissenschaftlicher Perspektive ist das kein Ehrgeiz. Es ist ein Missverständnis darüber, wie menschliche Leistungsfähigkeit funktioniert.


Der Mensch ist kein lineares System – auch wenn wir ihn so behandeln


Der menschliche Organismus arbeitet zyklisch. Das ist keine Philosophie, sondern Physiologie. Lichtmenge, Temperatur und Tageslänge beeinflussen nachweislich Hormonhaushalt, Schlafqualität, Stimmung und Energieniveau.


Im Winter:


sinkt die Tageslichtexposition


verändert sich die Melatonin- und Serotoninregulation


steigt die physiologische Neigung zu Müdigkeit und Rückzug


Das Nervensystem ist stärker auf Erhalt als auf Expansion eingestellt.

Wer das ignoriert, arbeitet nicht gegen Faulheit – sondern gegen biologische Realität.


Motivation ist kein Schalter – sie ist zustandsabhängig


Die Idee, man müsse sich im Januar nur „zusammenreißen“, basiert auf einem falschen Leistungsverständnis. Motivation entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist abhängig von Energieverfügbarkeit, mentaler Stabilität und Regenerationszustand.


In einem energetisch limitierten Zustand hohe Leistungssteigerungen zu erwarten, ist ungefähr so sinnvoll, wie bei leerem Akku über Ladegeschwindigkeit zu diskutieren.


Der Fehler liegt nicht beim Individuum, sondern im Timing der Erwartungen.


Warum Januar und Februar trotzdem sinnvoll sind – nur anders


Das bedeutet nicht, dass Januar und Februar ungeeignet für Veränderung sind. Im Gegenteil. Sie eignen sich hervorragend – für Aufbau, nicht für Eskalation.


Im Sport ist das seit Jahrzehnten bekannt:


Grundlagenphase statt Intensivphase


Technik vor Belastung


Volumen vor Spitzenleistung


Moderates Training, saubere Bewegungsausführung, langsamer Kraftaufbau – all das erhöht die Belastbarkeit für spätere Intensität. Wer diese Phase überspringt, riskiert Überlastung, Verletzungen oder mentalen Abbruch.


Kurz gesagt: Wer im Winter auf Hochleistung trainiert, sabotiert seine Leistungsfähigkeit im Frühjahr.


Gewohnheiten lassen sich nicht erzwingen – sie stabilisieren sich


Auch Verhaltensänderungen folgen neurobiologischen Prinzipien. Neue Gewohnheiten entstehen durch Wiederholung unter möglichst geringer Überforderung. Zu viele gleichzeitige Veränderungen erhöhen kognitive Belastung und senken die Wahrscheinlichkeit, dass etwas dauerhaft bleibt.


Radikale Neujahrsvorsätze scheitern nicht an fehlender Disziplin, sondern an Überforderung des Systems.


Geduld ist hier kein moralischer Wert, sondern eine funktionale Notwendigkeit.


Der eigentliche Irrtum: Leistung ohne Kontext


Was im Januar oft verkauft wird, ist Leistung ohne Kontext. Ohne Berücksichtigung von Jahreszeit, Energiezustand, mentaler Belastung und individueller Belastbarkeit.


Das Ergebnis ist bekannt:


kurze Motivationshochs


schnelle Erschöpfung


erneutes Scheitern


Selbstzuschreibung von „Ich halte nie durch“


Dabei war das System von Anfang an falsch aufgesetzt.


Ein nüchterner Blick auf Leistung


Leistungsfähigkeit ist kein Dauerzustand. Sie ist das Ergebnis aus:


Belastung


ausreichender Regeneration


sinnvoller Periodisierung


Das gilt für den Körper, für mentale Arbeit und für berufliche Entwicklung gleichermaßen. Wer Rückzug, Aufbau und Erholung ausklammert, produziert keine Stärke, sondern Verschleiß.


Vielleicht ist nicht der Mensch zu schwach – sondern die Erwartung zu simpel


Die Idee, dass der Januar der ideale Monat für Hochleistung sei, ist kein Zeichen von Ambition. Sie ist ein Zeichen dafür, wie weit wir uns von realistischen Modellen menschlicher Leistungsfähigkeit entfernt haben.


Veränderung braucht Timing.

Aufbau braucht Geduld.

Und Leistung braucht Kontext.


Nicht alles, was theoretisch möglich ist, ist praktisch sinnvoll.

Und nicht alles, was sich gut verkauft, funktioniert auch.


Dass nur der Mensch auf die Idee kommt, im Januar durchzustarten, sagt weniger über Disziplin aus –

und mehr darüber, wie schlecht wir gelernt haben, unsere eigenen Grenzen zu verstehen.


Wie man den Winter sinnvoll nutzt – ohne gegen sich zu arbeiten


Wenn der Januar kein Hochleistungsmonat ist, stellt sich zwangsläufig die Frage:

Was dann?

Rückzug heißt nicht Stillstand. Er heißt Umstellung der Strategie.


Der Winter eignet sich nicht für maximale Expansion, aber hervorragend für Vorbereitung. Das ist kein romantischer Gedanke, sondern folgt klaren leistungsphysiologischen und psychologischen Prinzipien.


1. Energie verwalten statt erzwingen


Im Winter steht weniger Energie zur Verfügung. Das Ziel kann also nicht sein, mehr zu verbrauchen, sondern klüger mit dem Vorhandenen umzugehen.


Praktisch heißt das:


Trainingsintensität senken, Regelmäßigkeit erhöhen


Arbeitszeiten strukturieren statt verlängern


mentale Pausen ernst nehmen, nicht „nachholen“


Effektivität entsteht hier nicht durch mehr Einsatz, sondern durch bessere Dosierung.


2. Grundlagen schaffen, die später tragen


Ob körperlich oder beruflich: Der Winter ist ideal für Grundlagenarbeit.


Im Sport bedeutet das:


Technik verbessern


Kraft langsam aufbauen


Beweglichkeit und Stabilität fördern


In Arbeit und Alltag:


Prozesse vereinfachen


Prioritäten klären


Systeme schaffen, die später entlasten


Grundlagen kosten Zeit. Genau deshalb sind sie im Winter gut aufgehoben – nicht unter Hochdruck, sondern mit Weitblick.


3. Gewohnheiten klein, aber stabil verändern


Der Winter ist kein guter Zeitpunkt für radikale Umbrüche. Er ist ein guter Zeitpunkt für behutsame Justierung.


Eine Gewohnheit zurzeit.

Mit niedriger Einstiegshürde.

Mit Fokus auf Wiederholung statt Perfektion.


Was sich jetzt etabliert, trägt durch das Jahr. Was jetzt überfordert, verschwindet meist bis Februar.


4. Rückzug strategisch nutzen


Rückzug bedeutet nicht, sich aus allem herauszunehmen. Er bedeutet, unnötige Reize zu reduzieren, um Klarheit zu gewinnen.


Weniger Termine.

Weniger parallele Projekte.

Mehr Fokus auf das Wesentliche.


Der Winter bietet – zwangsläufig – weniger Ablenkung. Das kann man als Mangel sehen oder als Ressource nutzen.


5. Leistung vorbereiten, nicht erzwingen


Der entscheidende Perspektivwechsel lautet:

Nicht jetzt alles erreichen wollen, sondern jetzt die Bedingungen schaffen, unter denen Leistung später möglich wird.


Das ist kein Aufschieben.

Das ist Periodisierung.


So arbeiten Hochleistungssportler. So arbeiten funktionierende Systeme. Und so arbeitet – ganz nebenbei – der menschliche Körper selbst.

 
 
 

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